Studio A von 1962 – 2007
Die Einweihung des Skulpturenparks entlang der Medem in Otterndorf durch Vertreter der Stadt Otterndorf ist eben eine solche Spur. Folgerichtig heißt der Weg entlang der Kunstwerke von James Reineking, Christoph Freimann, Klaus Staudt, Edgar Gutbub, Ben Muthofer und Jan Meyer-Rogge, Dr. Herbert-Augat-Weg.
Die Geschichte beginnt schon im Jahr 1962 mit einer Ausstellung, die in der Region wie ein kultureller Paukenschlag gewirkt haben muss: Dr. Herbert Augat eröffnete in seinem Privathaus eine Ausstellung moderner Kunst mit Werken von Hans Laabs.
Den Anfangsbuchstaben seines Nachnamens benutzte er für die Namensgebung der Galerie: Studio A(ugat). Das Haus war von dem Otterndorfer Architekten Bernhard Offer so konzipiert, dass 2/3 der Fläche als Galerie genutzt werden konnte.
Mit Ausstellungen von Fritz Winter, Max H. Mahlmann, Gudrun Piper, Otto-Herbert Hajek, Almir Mavignier u.a. schuf Augat in kurzer Zeit ein Refugium für moderne bildende Kunst, das abseits der großen Zentren Hamburg und Bremen in Norddeutschland ohne Beispiel war.
Er setzte das ambitionierte Vorhaben, die wesentlichen abstrakten künstlerischen Strömungen der 50er und beginnenden 60er Jahre in Deutschland vorzustellen fort, bevor er im Jahr 1964 die Galerie aus gesundheitlichen Gründen schließen musste.
Der Unfalltod Augats im Januar 1966 beendete das Kapitel des Studio A in privater Trägerschaft endgültig.
Die Witwe des Namensgebers Wilma Augat–Deicke bleibt bis zum heutigen Tag der Sache verpflichtet. Sie ist Ehrenmitglied im Verein von Freunden und Förderern des Studio A e.V. und großzügige Spenderin. Im Jahr 2002 schenkte sie dem Förderverein für die Sammlung des Studio A eine Originalarbeit von Günter Fruhtrunk. Bei der Eröffnung des Dr. Herbert-Augat-Weges war sie selbstverständlich Ehrengast.
Es war der Cuxhavener Grafiker und Fotograf Walter Steffens, der im Jahr 1973 den Vorschlag machte, das Studio A inhaltlich wieder aufleben zu lassen und es einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Steffens hatte schon Dr. Augat mit Rat und Tat zur Seite gestanden.
Der in Otterndorf geborene Klaus Staudt erklärte sich bereit, die künstlerische Beratung dieses Vorhabens zu übernehmen. Staudt war ab 1974 Professor an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung und hatte von Anfang an mit Augat in Kontakt gestanden.
Neben der Funktion des künstlerischen Beraters für Ausstellungen und Ankäufe zum Aufbau der Sammlung, die er bis 1998 mit großem Engagement ausführte, übernahm er auch den Kontakt zum Kreis Land Hadeln, der die Trägerschaft des „studio a dokumentation zeitgenössischer kunst“ übernahm.
Im Jahr 1991 wurde Professor Klaus Staudt in Anerkennung der besonderen Verdienste um den Landkreis Cuxhaven das Ehrenzeichen des Landkreises Cuxhaven in Silber verliehen.
Schenkungen von Künstlern, die schon bei Augat ausgestellt hatten, bildeten den Grundstock für die erste Ausstellung, aber auch für die Sammlung des Studio A. Im Laufe der Jahre vergrößerte sich die Sammlung durch Ankäufe, Leihgaben und Spenden kontinuierlich und umfasst mittlerweile über 400 Werke.
Oberkreisdirektor Dr. Thorsten Quidde eröffnete am 6. August 1974 die erste Ausstellung des „studio a“ in öffentlicher Trägerschaft im historischen Torhaus am Schlossgraben. Der Kreis Land Hadeln stellte Treppenaufgang und Obergeschoss als temporäre Ausstellungsmöglichkeit zur Verfügung.
Durch die Gebietsreform 1976 wurde der neu gegründete Landkreis Cuxhaven Träger des Studio A. Oberkreisdirektor Jürgen H. Th. Prieß hatte großen Einfluss auf die positiven Weiterentwicklungen des Hauses und stärkte es insbesondere durch die Professionalisierung der Betreuung und der Durchsetzung der Idee eines derartigen Museums in öffentlicher Trägerschaft gegenüber den politischen Gremien. Nach seiner aktiven Zeit als Oberkreisdirektor war er mehrere Jahre Vorsitzender des Vereins von Freunden und Förderern des Studio A e.V.
1981 gründeten engagierte Otterndorfer Bürger den „verein von freunden und förderern des studio a e.V.“. Der Verein hat heute mehr als 100 Mitglieder. Mit seinen bisherigen Vorsitzenden Siegfried Leuthold, Hubert Walitschek, Jan Meyer-Rogge, Jürgen H. Th. Prieß, Renate Augstein und Dr. Johannes Höppner unterstützt er den Landkreis mit Leihgaben zur Sammlung des Studio A und begleitenden Vorträgen. Außerdem macht er sich um die Akzeptanz für das Museum in der Bevölkerung verdient.
Nach 35 Ausstellungen endete das Kapitel „Torhaus“ für das Studio A, als am 4. Juli 1985 die Ausstellung mit Sigurd Rompza und Victor Sanovec seine Pforten schloss.
Der ehemaliger Staudt-Schüler Alf-Krister Job, heute Mitinhaber der Galerie Bergner+Job in Mainz, betreute Haus und Sammlung in der Zeit von 1985-1988 als erster Mitarbeiter des Landkreises hauptamtlich.
Ihm folgte Dorothea Strauss, die das Haus von 1986 bis 1991 leitete und heute Leiterin des „Haus konstruktiv“ in Zürich ist.
Am 26. Oktober 1985 lud der Landkreis Cuxhaven in die Stadtscheune Otterndorf zur „Eröffnung der Sammlung“. Die Einrichtung bekam gleichzeitig den Namen:
„studio a – sammlung zeitgenössischer kunst, museum für moderne kunst des landkreises cuxhaven“
Erstmals wurde der Anspruch geltend gemacht, dass das Studio A ein Museum sei, auch wenn es noch an der einen oder anderen Anforderung fehlte, die man an ein Museum hätte stellen müssen.
Etwa 200 m² Ausstellungsfläche boten aber eine unvergleichlich bessere Möglichkeit Wechselausstellungen und Ausstellungen der Sammlung zu präsentieren als das Torhaus.
Die Situation verbesserte sich 1991 erneut. Mit der 65. Ausstellung „couleurs additives“ des venezolanischen Künstlers Carlos Cruz-Diez eröffnete der Landkreis den Ausstellungsraum im zweiten Obergeschoss der Stadtscheune. Das Museum erhielt damit weitere 100 m² Ausstellungsfläche.
Architekt des Ausbaus des Dachgeschosses der Stadtscheune war, wie schon bei der Stadtscheune selbst, Heinz E. Prahl. Er war einer der Gründungsmitglieder des Vereins von Freunden und Förderern des Studio A e.V. im Jahr 1981.
Durch diese Erweiterung erhielt das Museum einen ganz speziellen Ausstellungsraum, der die wesentlichen Wechselausstellungen der nächsten Jahre prägen sollte. Ob Sol LeWitt, Ulrich Erben, Perry Roberts, Cécile Bart, Danuta Karsten und Ragna Róbertsdóttir. Sie alle nutzten die eigentlich beschränkenden Gegebenheiten dieses Raumes für ihre ganz spezifischen, künstlerischen Ausdrucksweisen.
Außerdem war ein Foto des leeren Ausstellungsraumes jahrelang das Erkennungszeichen des Museums in allen Katalogen und im Internetauftritt.
1991 konnte mit Dr. Ulrike Schick erstmals eine ausgebildete Kunsthistorikerin für die Leitung des Hauses eingestellt werden. Dr. Schick leitet das Haus bis zum heutigen Tage mit großem Erfolg. Mit der wissenschaftlichen Leitung wurde auch eine der wichtigsten Forderungen, die vom internationalen Museumsverband ICOM an ein Museum gestellt werden, erfüllt.
Wie schon 1985 war es wieder eine Ausstellung mit Werken von Sigurd Rompza, die eine Veränderung für das Studio A ankündigte. Ab 1992 lautete der Name des Museums: „museum moderner kunst landkreis cuxhaven, studio – a sammlung konkreter kunst”.
Eine der großen Figuren der Kunstgeschichte, der durch seine Nagel-Arbeiten bekannt gewordene Günther Uecker, stellte 1995 im Studio A aus. Er schuf eigens für diese Ausstellung Nagelbäume, die er mit dem Zusatz „für Otterndorf“ betitelte. Außerdem legte er für diese Ausstellung einen signierten Prägedruck auf.
Aus den USA holte Frau Dr. Schick einen weiteren Künstler der absoluten Spitzenklasse ins Studio A, dessen persönliches Erscheinen zur Ausstellungseröffnung Euphorie auslöste: Sol LeWitt. Sein „wall drawing“ im Dachgeschoss der Stadtscheune gehört zu den absoluten Highlights der Museumsgeschichte. Auch er konnte gewonnen werden, ein Auflageobjekt zu fertigen. Darüber hinaus stiftete er dem Museum eines seiner Werke.
Die Künstlerin Anna Tretter war die erste, die 1996 anlässlich der Ausstellung mit Werken von Raimund Girke, für das „Kuckucksei“ eingeladen wurde. Mit dieser Neuerung gibt die Museumsleitung KünstlerInnen, die nicht zum Ausstellungskonzept passen, die Möglichkeit sich zu präsentieren. Seitdem haben viele Künstler manchmal Aufregendes, manchmal Befremdliches aber immer qualitativ hochwertige Kunst neben den regulären Ausstellungen gezeigt.
Die Ausstellung mit dem britischen Künstler Alan Charlton 1997 war eingebettet in die Veranstaltungsreihe >follow me< des Landschaftsverbandes Stade. Entlang der Unterelbe stellten 7 Einrichtungen gleichzeitig bildende Kunst aus Großbritannien aus.
Der große Erfolg von >follow me< gab den Anlass zu einer ähnlichen Veranstaltungsreihe 2005. Diesmal waren es 9 Einrichtungen entlang der Unterelbe unter der Geschäftsführung des Landschaftsverbandes. Unter dem Titel “A whiter shade of pale“ zeigten die beteiligten Häuser „Kunst aus den Nordischen Ländern“. Im Studio A wurde eine Installation von Christian Andersson aus Schweden gezeigt.
Am 5. Oktober 1999 beging das Studio A das 25–jährige Bestehen in einer Feierstunde im Museum. Professor Frank Badur, Berlin hielt den Festvortrag und jeder der Gäste erhielt einen hochwertigen Siebdruck einer Arbeit, die Badur eigens für dieses Ereignis entworfen hatte.
Zu diesem Zeitpunkt verschwand die durchgängige Kleinschreibung, ein Relikt der 60er Jahre, aus den Drucksachen des Museums.
Das Haus erhielt erstmals ein, von der Agentur velsen&velsen entworfenes „Corporate Design“. Dies umfasste ein Logo ebenso wie die Gestaltung der Kataloge, der übrigen Drucksachen und den ersten Internetauftritt des Museums.
Gleichzeitig änderte das Museum erneut seinen Namen: „Studio A Otterndorf, Museum gegenstandsfreier Kunst“.
Wenige Monate später feierte das Museum die 100. Ausstellung mit einer unvergessenen Rauminstallation von Ulrich Erben.
Einen neuen Weg beschritt die Museumsleiterin mit der Ausstellung „Living Art“ im Jahr 2000. In Zusammenarbeit mit der Fa. Classicon, München stellte sie ausgewählten Designobjekten Arbeiten aus der Sammlung gegenüber. Ein Schwerpunkt auf der Designseite waren Möbel von Eileen Grey.
Eine völlig neue Erfahrung vermittelte die Museumsleitung den Besuchern des Studio A mit den Arbeiten des französischen Lichtkünstlers Michel Verjux, dessen Arbeiten von Theaterscheinwerfern auf die Wand „gezeichnet“ wurden. Oberkreisdirektor Dr. Höppner sagte bei der Eröffnung der Ausstellung: „Es ist nicht nur Licht, nicht nur der sichtbare Widerschein in Lichtwellen umgewandelter elektrischer Energie, es ist eine künstlerische Schöpfung.“
Anlässlich der Katalogarbeiten für das Projekt „Follow me“ traf die Museumsleitung den Fotografen Dirk Reinartz. Reinartz fotografierte in der Folge alle Ausstellungen des Museums für den jeweiligen Katalog. Er war ein Fotograf von unglaublichem Einfühlungsvermögen für die Künstler und ihre Werke.
Im Februar 2004 kam es dann folgerichtig zu einer Ausstellung seiner Künstlerportraits im Museum. Dirk Reinartz verstarb während der Ausstellung. In der Benachrichtigung, dass die Ausstellung aufgrund des tragischen Todes verlängert wird, schrieb Frau Dr. Schick: „Dirk Reinartz war nicht nur ein herausragender Fotograf, sondern auch ein aufrechter Freund, der dem Studio A als Wegbegleiter und Unterstützer über Jahre stets zur Seite stand.“
Die Ausstellung „point of view“ mit Felice Varini 2004 war ein Meilenstein in der Museumsgeschichte. Zum ersten Mal in der langen Ausstellungsgeschichte des Studio A wurde eine Ausstellung bzw. ein wesentlicher Teil dieser Ausstellung im Außenbereich durchgeführt. Mit einer grandiosen Arbeit auf der Fassade der Burg Bederkesa sorgte Varini für großes Aufsehen.
Eine Übersicht über alle Ausstellungen finden Sie hier……
So wie das Studio A über die Jahre seines Bestehens sich gewandelt hat, gewachsen ist, ergab sich 2007 die Möglichkeit zu einer großartigen Weiterentwicklung. Die Aufgabe einer Gewerbeimmobilie ermöglichte den Umzug in ein neues Haus, das nicht nur wesentlich mehr Ausstellungsfläche bietet, sondern den Anforderungen entspricht, die man landläufig an die Räumlichkeiten eines Kunstmuseums stellt:
Beleuchtung, Klimatisierung, zentrale Lage, gute Möglichkeiten zur Außendarstellung, gute Zugänglichkeit für Besucher. All diese Dinge, die in der Stadtscheune nur eingeschränkt möglich waren, konnten am neuen Standort verwirklicht werden.
Diese neuen Möglichkeiten schaffen neues Selbstbewusstsein, dem durch ein neues Corporate Design und einen neuen Namen Ausdruck verliehen wird: MUSEUM GEGENSTANDSFREIER KUNST.
Landrat Kai-Uwe Bielefeld brachte es bei der Eröffnung der ersten Ausstellung im neuen Haus mit Arbeiten des Berliner Künstlers Andreas Schmid auf den Punkt:
„Der künstlerische Anspruch der Ausstellungs- und Sammlungspolitik des Museums ist seit jeher überregional und die Ansprüche an die Qualität der Künstler hat lediglich eine Grenze nach unten. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.“



